hornblower
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Serie: Vorstellung interessanter Lautsprecher

20. Sep 2019 12:39

Hallo miteinander,

ich mache diesen Thread mal auf, um euch meine Eindrücke über von mir selbst gehörte, bemerkenswerte Lautsprecher mitzuteilen. Im Laufe eines Hifilebens hört man so Manches. Einiges kann man vergessen, Anderes bleibt in Erinnerung, in guter wie in schlechter. Schlechte LS bespreche ich hier nicht. Mit allen LS, die ich hier beschreibe, kann man glücklich werden, wenn denn Raum und persönliche Musikvorlieben dazu passen. Wohl aber werde ich mich zu selektiven Stärken und Kritikpunkten äußern, die mir jeweils aufgefallen sind.

Ich schreibe dabei nur über LS, die ich mindestens 2 Stunden mit mir gut bekannter Musik hören konnte, also über die ich einigermaßen urteilsfähig bin. Ich werde dabei gelegentlich, sozusagen als Gegenstück, aus Testberichten zitieren, die entweder im Netz oder in bekannten Fachzeitschriften erschienen sind. Manches wird sich decken, manches aber auch nicht. Die Quellen nenne ich dabei nicht, weil es nichts zum Verständnis beitragen würde.

Weiterhin schicke ich voraus, dass ich als Referenz meine jetzigen LS anlege, von denen ich glaube, nach all meiner Hörerfahrung, dass ich diese durchaus als sehr hohe Messlatte hernehmen kann. Alle wesentlichen Kriterien, wie z.B. Abdeckung des gesamten FG-Spektrums von 20 Hz bis 20 kHz, Dynamik, Tonalität, Sauberkeit und Verzerrungsarmut, Pegelfestigkeit, Räumlichkeit, Loslösung vom LS etc. erfüllen meine jetzigen LS in einer Art, wie ich es in seiner Gesamtheit bisher noch nicht woanders gehört habe. Erfahrungen jenseits der 100 k€ fehlen mir allerdings.

Um die Vergangenheit aufzuarbeiten, werden Wochen vergehen. Ich will ja nicht jeden Tag einen neuen Bericht schreiben. Außerdem möchte ich ja auch die Meinung des Forums zu den jeweiligen LS und Berichten einholen.

Auf die Zukunft betrachtet, wird das wohl eine never ending story, denn man sollte nie aufhören, über den Zaun zu schauen. Selektives Studieren anderer interessanter LS bringt Erfahrung und vermeidet, dass man sich sein eigenes Zeugs schönhört. Das ist so, wie im richtigen Leben, wer immer nur in seinem Dorf bleibt, bleibt irgendwie dumm. Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen.
Auf Messwerte müsst ihr bei  mir verzichten, die kann ich schlicht nicht liefern. Alles, was ich schreibe, bezieht sich nur auf persönliches Hören.

Verstärker und digitale Zuspieler bespreche ich hier nicht, sondern ich beschränke mich nur auf die Besprechung von LS. Das hat einen einfachen Grund. Aus meiner Sicht unterscheiden sich heute gute bis sehr gute Verstärker und digitale Quellgeräte nur so marginal, dass ich zwischen denen kaum einen Unterschied ausmachen kann. Man sollte nur darauf achten, dass man einen 80 dB LS nicht mit einer 25 W Röhrenendstufe betreibt. So etwas kann nicht gut gehen, wenn man Pegel- und Dynamikansprüche hat. Wer mit mir über Netzkabel (Kupfer, versilbert oder Reinsilber) diskutieren will, ist bei mir an der falschen Adresse.

Im Hochqualitätssegment gibt es nach meiner Überzeugung nur noch bei LS gravierende Unterschiede.

Beginnen will ich diese Serie mit einem Klassiker: Der Studiomonitor Neumann KH 420.

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Ich hatte diesen LS als Leihgabe direkt von Sennheiser für eine Woche in meinem Hörzimmer stehen.

Der Aktivmonitor KH 420 ist ein aktiver, rein analoger 3-Wege LS in klassischer Bauweise. Ein 10“ Langhub TT-Chassis, eine MT-kalotte (3“) und eine HT-Kalotte (1“). Soweit erstmal nichts Besonderes. Aber da ist noch eine geniale Waveguide und Markus Wolff, der als Chefentwickler bei K&H und jetzt bei Neumann unter dem Dach von Sennheiser für die KH 420 verantwortlich zeichnet. Auf DSP, wie bei der großen Schwester O 500, wurde hier verzichtet. Und das schadet diesem LS nicht, auch wenn es nicht Wenige gibt, die der O 500 noch nachweinen. Sie wird leider nicht mehr hergestellt. Gebrauchte findet man so gut wie nicht, und das wird wohl seinen Grund haben.

Was beim ersten Hören der KH 420, wenn sie denn penibel analog an den Raum angepasst wurde, auffällt, ist erst einmal nichts. Der LS spielt völlig unspektakulär wie aus einem Guss. Das schlichte grau dieses mittelgroßen Monitors passt irgendwie zu seinem unprätentiösen klanglichen Auftritt. Schnell wird allerdings klar, dass diese Art von Bescheidenheit sich in einem Satz komprimieren lässt. Der LS macht nichts falsch. Er ist kein Aufschneider, kein Schönfärber, keine Brüllkiste, obwohl er auch hohe Pegel kann. Beim Hören auch sehr unterschiedlichen Musikmaterials wird klar, dass man es hier mit einem Arbeitsgerät für Tonmeister zu tun hat, und zwar mit einem sehr, sehr guten.

Der Bass ist sehr tiefreichend, man vermisst keine Subwoofer, obwohl Neumann passende Subwoofer für den KH 420 bereithält. Die braucht man aber weniger für mehr Tiefgang sondern eigentlich nur, um höhere Pegel zu fahren. Irgendwann ist natürlich auch ein 10“ an seiner physikalischen Grenze angelangt. Wenn es beim Bass Haare in der Suppe zu finden gibt, dann kann ich nur zwei finden. Einerseits hat der Bass nicht ganz die Trockenheit und Dynamik eines guten 12“ oder 15“ PA-Treibers, dafür aber mehr Tiefgang. Andererseits machen aber die Reflexports bei ca. 30 Hz Pumpgeräusche, die man zwar bei normalem Musikkonsum nicht hört, da sind sie aber, und das stört etwas den Kopf. Wer einen 30 Hz Sinuston spielt, so dass die Membran sichtbar pumpt, kann das Pumpgeräusch am Hörplatz, also in 2-4 m Entfernung, deutlich vernehmen.

Sahnestück ist aber die tonal überragende MHT-Sektion. Die Waveguide trägt hier ihr Übriges dazu bei. Kaum ein mir bekannter LS löst so gut und mit Wohlklang auf, wie dieser. Wobei ich Wohlklang hier betonen möchte, denn viele andere LS erkaufen sich Auflösung durch zu aufdringliche Höhen, die schnell nerven können. Anders beim KH 420. Hier nervt nichts. Das Klangbild bleibt trotz extremer Detailfülle und Durchhörbarkeit sehr angenehm. Überraschend ist, mit welcher Dynamik und Wucht der MHT-Bereich auch bei hohen Pegeln verzerrungsfrei wiedergegeben wird, auch wenn die Dynamik eines Horns in diesem Bereich nicht ganz erreicht wird.  Die Waveguide, die neben einer kontrollierten Abstrahlung auch noch ein paar dB mehr Pegel bringen soll, ist hier sicher mitverantwortlich.

So gerät nahezu jede Aufnahme, besonders aber Stimmen, zum Ohrenschmaus. Der Frequenzgang im Freifeld ist sensationell ausgeglichen. Dreht man lauter, ändert sich nichts, außer, dass es lauter wird. Irgendwann bei Hörentfernungen über 3m wirkt der Tiefbass dann angestrengt, was aber nur in seltenen Fällen und bei entsprechender Musik bemerkbar ist. Einige Aufnahmen von Nik Bärtsch und seiner Formation Ronin sowie von Mari Boine, die sehr tiefbassintensiv sind, können dann nicht mehr ganz in Konzertlautstärke in dieser hohen Qualität gehört werden. Die Fähigkeit, auch einen großen Raum akustisch zu füllen, und damit meine ich nicht die bloße dB-Zahl, gelingt LS mit mehr Verschiebevolumen dann auch besser. Die optional erhältlichen Subwoofer KH 870 mit je zwei 10“ Chassis sollten dieses Problem beseitigen. Dann wird es aber schon wieder sehr groß und auch deutlich teurer. Womit wir beim Preis wären. Thomann verlangt für den KH 420 derzeit 3698 €/Stück, was angesichts dessen, was man dafür bekommt geradezu günstig ist.

Fazit: Wer einen nicht allzu großen Raum besitzt und die Hörentfernung nicht deutlich über 3m beträgt, hat mit diesem LS eine Anschaffung fürs Leben. Blendet man sehr spezielles Musikmaterial aus, gibt es kaum etwas Besseres, schon gar nicht zu diesem Preis.

Schließen möchte ich mit einem Auszug aus einem Test eines sehr bekannten Experten:

„Hier stimmt alles von den herausragenden Treibern über perfekt gearbeitete Gehäuse und Elektronik, über die Messwerte in allen Lagen bis zum Höreindruck… Ein Hörvergleich mit manchen vielfach teureren Lautsprechern könnte einem die Augen bzw. Ohren öffnen. Vorsicht ist jedoch geboten, da sich so auch Mythen und Illusionen unerwartet im Nichts auflösen könnten. Der Autor spricht hier aus Erfahrung!“

Fortsetzung folgt.
 
MatthiasMuc951
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Re: Serie: Vorstellung interessanter Lautsprecher

21. Sep 2019 07:47

Sehr schöne Idee, danke!
Matthias
P.s. Die Quellen würde ich aber mit angeben.
 
Rudolf
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Re: Serie: Vorstellung interessanter Lautsprecher

21. Sep 2019 13:32

Hallo Andreas,

ein schöner Thread mit einem tollen Lautsprecher gleich zu Beginn.

Die KH 420 bzw. deren Vorgänger O 410 zählen für mich zum Besten was man für den aufgerufenen Preis bekommen kann (besser/größer/teurer geht natürlich immer). Aus meiner Erfahrung heraus ein Lautsprecher, der es bis zu einer Raumgröße von 20-25 m² an nichts fehlen lässt. Zur Ergänzung noch drei Links zu Threads in diesem und anderen Foren, in denen die KH 420 intensiv diskutiert wird:

https://www.pauls-reference.de/forum/viewtopic.php?f=62&t=4200
https://www.analog-forum.de/wbboard/index.php?thread/125310
https://www.aktives-hoeren.de/viewtopic.php?f=16&t=5639

Viele Grüße
Rudolf
 
thomas1960
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Re: Serie: Vorstellung interessanter Lautsprecher

21. Sep 2019 16:14

Hi Andreas und Rudolf,

natürlich kann ich bei den Neumännern nicht meine Klappe halten und Selbstbeweihräucherung betreiben.
Mit etwas Glück gibt’s die KH420 unter 6000€ das Paar. Kabel rein, fertig. Ein wirklicher BestBuy.
Ich kann mich fast allem oben geschriebenen anschließen, mit zwei persönlichen Ergänzungen:
1. so richtig rocken... - können Sie nicht!  Das MUSS mMn etwas unsauber sein. 
Dafür sind Sie nun mal nicht gebaut  :lol: .
2. brauchen keinen Subwoofer... - ein klares Jaein.
Die O410 (wie Sie Rudolf hat) haben durch die beiden Subs noch einmal an Klangtiefe und Souveränität schon LEISE (!) zugelegt. In einer spontanen  Kurzschlusshandlung habe ich mein Set O410/2xKH805 verkauft und kurz danach die KH420.
Da ist mMn im Besten noch einmal richtig etwas passiert. Vorgestern habe ich erneut zugeschlagen und zwei KH805 gekauft. Aus Überzeugung. Für leise bis gehobene Lautstärke.
Und für die Clubstimmung braucht’s für mich einfach trotzdem noch einen 38er Hartpappen. Mit Röhre  :Peace: .

Liebe Grüße 
Thomas

Meine persönliche erste Ergänzung für die Serie:
WLM Diva Monitor. Mit dem Simply Two LAE. Grinsen bis zum Ohrläppchen. Keine Abhöre, aber Spielfreude pur!
https://www.stereo.de/archiv?tx_archive_pi1%5Baction%5D=download&tx_archive_pi1%5Barticle%5D=59983&tx_archive_pi1%5Bcontroller%5D=Archive&cHash=7ea41275ab64be698d13a0b18a240929
Zuletzt geändert von thomas1960 am 21. Sep 2019 16:19, insgesamt 1-mal geändert.
Wege entstehen dadurch, daß man Sie geht.
 
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Re: Serie: Vorstellung interessanter Lautsprecher

21. Sep 2019 16:15

Tolle Idee, die auch gleichzeitig langen und interessanten Lesespaß hoffen läßt. :Bier:
Die Neumänner durfte ich auch schon hören und kann Deine Begeisterung und Klangbeschreibung
somit absolut nachvollziehen.
Hätte ich nicht damals schon meine Geithains gehabt wären die 420 sicher auch mal zum Gastspiel bei
mir gestanden.


Freue mich schon auf die Fortsetzung Deiner Serie;)
Viele Grüße
René
- Carpe that fucking diem -
 
hornblower
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Re: Serie: Vorstellung interessanter Lautsprecher

23. Sep 2019 16:56

Hallo zusammen,

weiter geht es mit Teil 2 meiner Lautsprecherserie. Neueinsteigern in diesen Thread empfehle ich, mein Vorwort im ersten Beitrag dieses Threads zu lesen, damit man weiß, worum es geht.

Wir bleiben in der Sparte der Studiomonitore, obwohl es sich bei dem nun folgenden LS eher um einen Hybriden handelt. Ein Studiomonitor, der als Zielgruppe wohl eher den privaten anspruchsvollen Musikhörer im Blick hat, obwohl nicht wenige Tonmeister genau diesen LS als Abhörmonitor im Nahfeld betreiben.
Es handelt sich um den aktiven Monitor Manger c1.
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Wenn man den Neumann KH 420 als Studiomonitor bezeichnen kann, der auch Eingang in die Hifiwelt gefunden hat, dann ist der Manger c1 ein Hifilautsprecher, der auch Eingang in die Welt der Tonstudios gefunden hat. Das alleine lässt schon erahnen, womit wir es hier zu tun haben. Obwohl bereits die Verbindungsnormen zeigen, welche Gene in diesem Schallwandler stecken. XLR und Speakon findet man und nicht etwa SPDIF und Bananenstecker.

Einen adäquaten Hörtermin mit diesem LS zu bekommen, ist gar nicht so einfach. So bedurfte es mehrerer Emails und Telefongespräche mit Daniela Manger, der Firmenchefin, um eines der in Deutschland zu Testzwecken vagabundierenden Pärchen in meine Nähe zu bringen. So klappte es aber dann doch recht schnell, und ein Termin in einem Manger führenden Hifistudio konnte stattfinden. Eine kostenpflichtige Teststellung in meinem Hörraum wollte ich nicht. Wichtig ist es mir, hier zu erwähnen, dass man mit Frau Manger eine kompetente, zuverlässige und stets seriöse Gesprächspartnerin hat.

Obwohl dieser LS einer der meistgetesteten LS überhaupt ist, möchte ich doch vorab noch ein paar Worte zu Manger verlieren. Das Besondere an diesem LS ist ja bekanntlich der Biegewellenwandler, ein absolutes Alleinstellungsmerkmal. Erfinder, so möchte man es bezeichnen, war der Vater von Daniela Manger bereits in den 60er Jahren. Ab ca. 1980 fand dieser Treiber dann eine größere Verbreitung, besonders auch im DIY-Segment. Vielleicht ist das auch der Grund, warum sich um diesen Wandler z.T. desaströse Legenden gebildet hatten. Lahm und kraftlos sollte dieser Wandler sein. Ein (Vor-) Urteil, das definitiv nicht stimmt. Soviel schon mal vorab. Wer diesen Wandler falsch behandelt, wird bestraft. Und das mag in der DIY-Welt nicht selten vorgekommen sein. Wahrscheinlich auch ein Grund, warum man den Wandler nicht mehr separat kaufen kann. Ein Verlust für den fachlich versierten DIY’er, aber aus Firmensicht verständlich.

Wer sich für die exakte Wirkungsweise dieses sich in fast jeder Hinsicht von herkömmlichen Treibern unterscheidenden Biegewellenwandlers interessiert, dem empfehle ich, die offizielle Website von Manger zu besuchen.

Was haben wir mit dem c1 also vor uns? Einen bildschönen, perfekt verarbeiteten und in jeder Hinsicht wertigen Zweiwegelautsprecher, in dessen Zentrum dieser außergewöhnliche Biegewellenwandler steht. Zugleich eine Designikone, die zahlreiche Designpreise einheimsen konnte. Made in Germany at its best. Eigentlich als 8“ Breitbänder, der locker über 20 kHz kann, konzipiert, wird er aber sinnvollerweise von einem ebenfalls 8“ messenden Langhub TT-Chassis unterhalb von 300 Hz unterstützt und entlastet. Das TT-Chassis kommt von Visaton und kann bezogen auf die Hifisparte mit Fug und Recht als highendig bezeichnet werden. Der Grund, warum man als Bassunterstützung unterhalb von 300 Hz nicht zu einem 10“ oder gar 12“ Treiber gegriffen hat, ist einfach zu beantworten. Es sind pure Designgründe. Die optische Harmonie zweier gleich großer Chassis sollte nicht gestört werden. Angetrieben werden die beiden Chassis von zwei klassischen A/B-Verstärkern und analoger Weiche. Die gesamte Elektronik befindet sich mit allen analogen Einstellmöglichkeiten zur Ortsanpassung und zur Anpassung an persönliche Klangvorlieben an der Rückseite des Gehäuses, selbstverständlich perfekt und harmonisch trotz großer Kühlrippen auf die Rückwand aufgesetzt. Class-D Verstärker kommen ebenso wenig zum Einsatz, wie Bassreflexports. Beides wird aus klanglichen Gründen, so Daniela Manger, abgelehnt. Da der Basstreiber im geschlossenen Gehäuse eigentlich gar nicht so tief in den Basskeller kommt, wird er durch entsprechende aktive Entzerrung dorthin getrimmt. Für einen 8“ eine Konstruktionsentscheidung mit Folgen.

Als ich dann den Hörraum des Hifistudios betrat, es war ein Kellerraum, zunächst einmal eine kleine Ernüchterung. Da standen diese Beautys nun, ziemlich dicht an der Rückwand, in einem ca. 35 qm großen und etwas lieblos eingerichteten Raum. Ein Stereodreieck von knapp 3 m Schenkellänge war dann zunächst mal positiv, die Wand nahe Aufstellung jedoch nicht, weil es aus meiner Sicht die Wahrnehmung der räumlichen Tiefe beeinträchtigt. Mein Abstraktionsvermögen ist allerdings so, dass ich mir das in dem Hörmarathon, der nun folgen sollte, dazu denken konnte.

Platziert waren die beiden LS auf den passenden, Manger eigenen Ständern. Die LS waren nicht ganz auf den Hörplatz eingewinkelt. Das müsse so sein, gab der Vorführer an.
Wie so oft begann ich auch hier mit sehr ruhiger, vorwiegend akustischer Musik. Spanish Harlem vom Album The Raven von Rebecca Pidgeon war das erste Futter, was der c1 dann verdauen musste. Alles im Prinzip sehr schön, die Stimme sehr klar und zart von leicht halb rechts, aber die feine hochfrequente Percussion aus dem rechten Kanal vermisste ich etwas. Nach dem kompletten Eindrehen der LS auf meinen Sitzplatz war dieses Problem aber dann schnell erledigt.

Jetzt konnte ich mich auf die Streicher und den gezupften Kontrabass konzentrieren. Mit Bravour stellte der c1 die Musik in den Raum. Nicht auszudenken, wenn der Manger  1,5 – 2 m von der Rückwand entfernt gewesen wären. Der Eindruck einer wahren Klanglupe fürs Detail, gepaart mit der Fähigkeit, Räume und Musiker in das richtige Größenverhältnis zu bringen, verfestigte sich mit jedem neuen Titel. Come to Find von Doug MacLeod vom gleichnamigen Album war dann auch ein Genuss, nicht nur wegen der Dynamik der angerissenen Gitarrensaiten, sondern auch wegen der authentischen Wiedergabe der dezent gespielten Bassdrum. Die sehr präsente und dynamikreiche Stimme von Doug MacLeod darf nicht hart und aufdringlich wirken. Das meisterte der c1 in kaum erahnter Sauberkeit. Räumlichkeit, präzise Ortbarkeit und Klangfarben sind ohnehin die besonderen Stärken dieses LS.

Sehr gerne verwende ich zum Test auch den fast 12-minütigen Titel For three, CD Aurora, von Verneri Pohjola. Dieser beginnt sehr fragil mit holographisch dreidimensionaler Abbildung, um sich dann langsam zu steigern und in sehr komplexen, dynamikreichen Klangstrukturen zu kulminieren. Auch hier gab es nichts zu mäkeln, wenngleich auch hier ein sehr gutes Mitteltonhorn noch etwas mehr Attacke bringt.

Es sollte nun die Stunde der Wahrheit folgen, denn Charly Antolini’s Motodrum von der CD Crash fand nun seinen Weg in die Endstufen. Mit Verblüffung nahm ich wahr, mit welcher Trockenheit und Dynamik der c1 diese Kost wiedergeben konnte. Der Pegel war angemessen, zumindest so, dass der Vorführer die Augenbrauen hochzog. Auch er hatte das wohl so nicht erwartet. Der Grund, warum der c1 hier nicht ins Schwitzen kam, sollte sich aber bald zeigen. Die Bassdrum auf dieser CD ist recht hoch abgestimmt. Will sagen, dass die Dynamikspitzen zwischen 60 Hz und 100 Hz zu finden sind, ein Bereich also, den der c1 noch locker gehen kann.

Dann folgte aber Mari Boine mit dem Titel Mu Ahkku von der CD Eagle Brother. Ein eigentlich sehr verhaltener, ruhiger Titel mit sparsamer Instrumentierung…tja, wenn da nicht der Bass im linken Kanal wäre. Eine harte Probe für jeden LS, sowohl was Tiefgang, Dröhnanfälligkeit als auch Dynamik anbelangt. Mit jedem Schlag auf die mit Rentierfell bespannte, große Trommel leuchtete die rote Überlastungs-LED auf. Diese elektronische Begrenzung des TT schützt den kleinen Basstreiber zwar vor Verzerrung oder gar Zerstörung, dämpft aber die Dynamik. Man hört den Schlag, aber richtig durchdringen kann er nicht mehr. Hier rächt sich die Designpriorität. Mit dem 12“ Basstreiber vom gleichen Hersteller (Visaton) hätte die Sache wohl anders ausgesehen. Wie auch immer, die Limitierung im Tiefbass setze sich nun bei sinfonischer Musik von den Labels Telarc und Reference Recordings fort. Immer, wenn die große Orchestertrommel hart angeschlagen wurde, trat der Limiter in Aktion. Dem Vorführer schmeckte das alles gar nicht.

Spätestens hier ist ein Blick auf die Tracklist der Manger eigenen, audiophilen Test-CD erforderlich, und man wird fündig, oder auch nicht. Denn kein einziger Track mit hochdynamischem Tiefbass ist darauf vertreten. Manger wird wissen warum. Selbst bei sinfonischer Musik wurde Haydn genommen, der nicht gerade dafür bekannt ist, als Komponist die große Orchestertrommel eingesetzt zu haben. Dagegen finden wir Vivaldi mit dem 3. Satz aus den vier Jahreszeiten oder das Treya Quartett mit ruhigem kammermusikalischem Jazz.

So verzichtete ich im Weiteren auch auf Orgelmusik und Verdi’s Requiem, Dies Irae, Telarc CD  80152. Gerade bei letzterer Einspielung hätte die große Trommel die kleinen 8“ restlos überfordert.

Was lernt man nun daraus?

Erstens muss man sich als Entwickler und Hersteller entscheiden, was man will. Kleine, schlanke LS mit wohnraumfreundlicher Architektur und eine allumfassende Tauglichkeit für jedwede Art von Musik scheint wohl nicht zu funktionieren, besonders wenn Designaspekte eine große Rolle spielen. Natürlich wäre es möglich, den Manger c1 als Standlautsprecher zu bauen, was Manger mit dem Modell s1 ja auch macht. Aber auch hier wurde auf die seitliche Anordnung von zwei potenten Basstreibern verzichtet.

Auch die optional von Manger angebotene Ergänzung durch einen zusätzlichen  8“ Bass (Manger c1 LF-Modul) würde 6 dB mehr Schalldruck bringen. Ob das alleine helfen würde, konnte ich nicht hören, da diese Erweiterung beim Hörtermin nicht zur Verfügung stand.

Es scheint wohl ein Teil der Firmenpolitik zu sein, warum einige Hersteller auf die Unterstützung von Subwoofern quasi ab Werk verzichten. Ich habe so etwas einmal bei Audiodata erlebt. Peter Schippers lehnte es vor vielen Jahren bei seinem Erstlingswerk Bijou ab, einen Subwoofer als Ergänzung zu empfehlen, weil er nicht den Eindruck erwecken wollte, dass man den unbedingt braucht. Würde man den c1 als Standbox mit zwei seitlichen 12“ im 3-Wegebetrieb, quasi als Spitzenmodell, weiter entwickeln, würde man in Preisregionen vorstoßen, die nur noch Wenigen vorbehalten wären, und der c1 würde vielleicht als 2. Wahl empfunden.

Bleibt abschließend noch ein kritischer Blick in die Fachpresse.

„Noch kompakter Aktivmonitor mit einzigartigem Biegewellenwandler und separatem Bass. Klingt dank alles überragender Verständlichkeit bei maßvollen Pegeln so gelöst und selbstverständlich wie kaum eine andere Box.“

Volle Zustimmung!

„Wer etwas weiter von den Boxen entfernt sitzt, also spätestens ab 2,5 Metern, mag sich eventuell mehr Pegel wünschen, um höhere Lautstärken zu erzielen.“

+ Volle Zustimmung! Er meint aber wohl eher Pegelreserven.

„Der Bass dieser Box ist bemerkenswert! Die MSM c1 spielt abgrundtief, knochentrocken und pegelfest. Das ist mit der beste Bass, den ich seit Langem gehört habe.“

+ Na ja!

„So habe ich zum Test mit tonal ziemlich verwegenen, extrem dynamikreichen Dubstep-Tracks (etwa dem untenstehenden „Swaggered“ von Kalya Scintilla) bei „Vollgas“ und offenem Hörraum-Fenster den Innenhof unseres Areals mit den MSMs1 standesgemäß beschallt – natürlich unabsichtlich. Nicht ohne Reaktion der Nachbarn, deren SMS-Kommentare von „Fenster zu!!“ bis hin zu „Geile Mucke – was’n das??“ reichten.“

+ Wirklicher Tiefbass wurde wohl nicht getestet.

Fazit:

Der Aktivmonitor Manger c1 ist akustisch wie optisch ein betörend schöner LS, der in jedem Wohnzimmer das Herz nicht nur des Mannes sondern auch der Ehefrau höher schlagen lassen müsste. Ein gut eingerichtetes Zimmer mit ein paar Designermöbeln ist der wahre Wohlfühlort dieser Pretiosen. Davor sitzend ein reiferer Mann (oder Frau) mit einem Glas Rotwein auf dem Tisch und bei gemäßigtem Pegel dem Klang dieser LS folgend. In gleicher Weise aber auch geeignet für den Tonmeister, der ein unbestechliches Werkzeug für seine Abmischungen benötigt. Diese hören ja bekanntlich ohnehin nicht sehr laut. Mit einem Paar sehr guter Subwoofer sicher auch für den Hörer geeignet, der es auf höchstem Niveau auch etwas beherzter zur Sache gehen lassen will. Ich möchte sogar sagen, für diese Hörer sind gute Subwoofer gerade ein Muss.

Womit wir leider beim Preis wären. Je nach Finish und ob mit oder ohne Ständer und zusätzlichen LF-Modulen liegt man so zwischen 13 und 20 k€ für das Paar. Damit bewegt man sich schon in der dünnen Luft anderer sehr guter LS, vom Preis-Leistungsverhältnis eines Neumann KH 420 ganz zu schweigen. Gesellt man zu den c1 ein Paar Subwoofer z.B. der Firma Merovinger, die mit ihrem geschlossenen Gehäuse und der Sensorregelung sehr gut passen würden, wäre man bei ca. 25 k€ und dann auch in einer anderen Klangliga, was den Preis wieder relativieren würde.

Wer diesen LS will, wird ihn auch kaufen. Er hat etwas Unwiderstehliches, was die pure Ratio lähmt. Frau Manger hat das perfekt hingekriegt. Eine Anschaffung für sehr langen Musikgenuss ist er allemal.

Grüße Andreas
 
thomas1960
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Re: Serie: Vorstellung interessanter Lautsprecher

23. Sep 2019 19:17

Lieber Andreas,

erneut eine tolle subjektive Vorstellung aussergewöhnlicher Speaker von Dir, vielen Dank!
Manger habe ich noch nicht gehört...- vielleicht stehen ja welche am nächsten WE in Bonn auf den Hifitagen.
Leuchtende Überlastungs-LEDs... - wenigstens sind welche da statt daß alles, auch noch in diesem Preisbereich, abraucht... .
Ich höre gar nicht so oft, aber wenn, dann möchte auch ich ohne Sorgen mal am Poti drehen.
Bei meiner ersten Anlage 1976, gebraucht von meinem Bruder erworben, waren die TTs der Kompakten nach einer Woche durch :lol:.
Danach ein Zweiwege-Bausatz und schließlich ein Dreiwegler mit einem 25er TT , alles von Visaton. Ab da wurde es fein :Bier: :

Hast Du auch "Empfehlungen" für kleinere Geldbeutel?

Weiter so, ich lese gerne mit :Dankeschild: !
Wege entstehen dadurch, daß man Sie geht.
 
Rudolf
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Re: Serie: Vorstellung interessanter Lautsprecher

23. Sep 2019 20:03

Hallo Andreas,

erneut eine sehr schöne Vorstellung, die ich nur unterstreichen kann. Mein "Manger-Erlebnis" war dieses Jahr bei einem Werksbesuch der Firma Abacus, die mir dort den MSW in einem Abacus-Gehäuse zusammen mit ihrer Verstärkerelektronik vorführten. Diese Vorführung hatte bei mir sofort den "Will-unbedingt-haben"-Reflex ausgelöst. Seitdem bin ich auf der Suche nach zwei neuwertigen MSW-Chassis, die ich dann bei Abacus in ein Gehäuse einbauen lassen will. Auf den fehlenden Tiefbass kann ich angesichts der anderen Meriten getrost verzichten.

Ich wüsste zu gerne, wie sich im Vergleich zum c1 der passive p2 mit zwei rückwärtigen, passiven Bassmembranen schlägt.

Viele Grüße
Rudolf
 
hornblower
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Re: Serie: Vorstellung interessanter Lautsprecher

24. Sep 2019 15:39

Vielen Dank Rudolf, hast eine PN.

@ Thomas: Was den kleineren Geldbeutel anbelangt, muss ich dich leider enttäuschen. Der KH 420 war der billigste und zugleich preiswerteste LS, den ich hier besprechen werde. Selbst zwei sehr interessante DIY-Projekte, die ich in diesem Thread noch vorstelle, werden den Preis der KH 420 noch übertreffen. Ich hoffe aber, das tut dem Interesse keinen Abbruch.

Grüße Andreas
 
hornblower
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Re: Serie: Vorstellung interessanter Lautsprecher

26. Sep 2019 17:45

Hallo in die interessierte Runde,
 
Teil 3 meiner Vorstellungsserie interessanter Lautsprecher: 

Wir gehen im "Haus des Geldes" noch ein paar Stockwerke nach oben. Es handelt sich um den aktiven Lautsprecher Bohne BB 15 einschl. der dazugehörenden externen Elektronik. Der ist in den letzten 1 ½ Jahren nebst seiner kleineren Brüder BB 10 und BB 10L geradezu zum Überflieger in der Szene geworden.

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Warum eigentlich aktiv, handelt es sich doch erst einmal nur um ein Holzgehäuse mit einem Treiber, einem Bändchen on Top und sonst nichts. Aktiv deshalb, weil der nackte LS nichts kann ohne den Elektronikpark, der, so wie er angeboten wird, dazugekauft werden sollte. Paketpreis nennt Herr Bohne das.

Was machte den BB 15 für mich so interessant. Genau zwei Dinge. Erstens das Bändchen, dem wahre Wunderdinge nachgesagt werden und zum zweiten die aberwitzige Dynamik, die dem LS in allen! Tests bescheinigt wurde. Da ich ein Dynamikfan bin, ging für mich an dem BB 15 kein Weg vorbei. Es ergab sich günstiger Weise, dass ich ohnehin einen Termin in NRW hatte, und da war der Umweg nach Engelskirchen nicht weit.

Was ist der BB 15 nun eigentlich? Ein hochdynamischer Hifi-LS, ein Bühnen-LS für kleinere Clubs oder ein Studiomonitor für mittelgroße bis große Tonstudios? Ich denke von Allem etwas.
Kommen wir aber zunächst zum Basstreiber, das ist einfacher. Hierbei handelt es sich um den bekannten und zugegebener Maßen herausragenden JBL 2226. Ein 15“ PA-Treiber der Extraklasse.


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Laut Herrn Bohne wurde dieser von ihm selbst modifiziert. Worin die Modifikation besteht, darüber schwieg sich Herr Bohne aus. Dieser 15“ mit 4“ großer Schwingspule ist im harten Profialltag über Jahre erprobt und kaum kaputt zu kriegen. Unter Fachleuten genießt er hohes Ansehen und er garantiert für ungebremste Dynamik. Allerdings auf Kosten des Tiefgangs, ein Subwooferchassis hat andere Parameter. Der JBL sitzt in einem mittelgroßen Reflexgehäuse. Auf Grund der Gehäusegröße, des Tunneldurchmessers und der Tunnellänge vermute ich die Reflexabstimmung bei ca. 40 Hz. Genaue Daten liegen mir allerdings nicht vor.

Interessanter ist jedoch das Bändchen, eine patentierte Eigenentwicklung von Jörg Bohne. 300 mm lang und 18 mm breit, Aluminium, mit gezackter Kontur, die das glatte Aluminiumband erhält, wenn es durch eine Zahnradvorrichtung läuft. 

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Natürlich soll es sich laut Herrn Bohne auch nicht um gewöhnliches Aluminium handeln, sondern um „behandeltes“ Aluminium. Auch hierüber schweigt sich Herr Bohne im Weiteren aus. Warum eigentlich, wenn er doch das Patent besitzt?

7 mm Auslenkung soll das Bändchen können, ein sehr hoher Wert für ein Bändchen von 30 cm Länge. Aber da es ab 700 Hz und bei solchen Pegeln eingesetzt wird, muss es solche Leistungen auch bringen. Ich ging der Sache nun weiter auf den Grund und schaute in den Luftspalt zwischen Bändchen und Magneten. Was ich sah, waren augenscheinlich handelsübliche Neodym Quadermagnete von ca. 30 mm Länge. Es müssten pro Seite also 10 Stück gewesen sein. Diese Magnetstäbe bekommt man z.B. bei Magnet Shop 24 für 3,37 €/Stück. Wo ist jetzt das Patent, fragte ich mich still? Vielleicht der Übertrager, der an der Rückseite angebracht ist. Sehen konnte ich auch hier nichts Besonderes, ein Übertrager eben. Lange Rede kurzer Sinn, es wird schon einen Grund haben…das mit dem Patent.

Kommen wir zur Elektronik, die komplett ausgelagert ist. Wir haben hier einen Trinnov, ein mächtiges Gerät zum kompletten Management von zwei oder mehreren Lautsprechern, über jeden Zweifel erhaben. Und zwei Stereoendstufen im A/B-Betrieb, die mich sehr an die guten aber betagten ALPS-Verstärker erinnerten. Vier mal 600 Watt stehen dann zur Verfügung, also mehr als genug.

Technisch wird Jörg Bohne, übrigens gelernter Physiker, von Visaton im nahegelegenen Haan unterstützt.

Nun zur Hörsession an sich. Jörg Bohne begrüßte mich vor seinem Haus, in dem auch die Firma untergebracht ist. Ein spezielles Vorführstudio hat er wohl nicht, der ganze Raum machte eher einen privaten Eindruck. Der Raum an sich etwas verwinkelt, groß mit normaler Deckenhöhe. Die Stimmen im Gespräch wirkten natürlich, so dass ich den Raum als hinreichend trocken bezeichnen würde.

Trotz der Größe des Raums standen die LS kaum 2,5 m auseinander, der Hörabstand vielleicht 3 m. Das Schlimmste aber, die LS standen rückseitig an der Wand und dazwischen ein Schrank. Der 30 cm Wandmindestabstand, den Herr Bohne angibt, wurde gerade nicht unterboten.

Mein erster optischer Eindruck deckte sich mit dem Eindruck, der sich bereits auf Grund der Fotos bei mir eingestellt hatte. Irgendwie macht der BB 15 immer noch den Eindruck eines Prototyps. Ein Eindruck, der sich mit der Lifestileserie (BB 8L und BB 10L) grundlegend geändert hat. Das etwas plumpe Bassgehäuse und, wie ein Dekoartikel oben aufgesetzt, das Bändchen, das so aussieht, als hätte die Frau des Hauses anstatt einer Blumenvase eine Skulptur platziert, wirken auf mich irgendwie labormäßig.

Ich packte meine mitgebrachten CD’s aus und es konnte losgehen. Wie immer mit akustischer und eher verhaltener Musik. Auch das muss ja ein LS dieser (Preis-)Klasse können.

Ich erspare mir an dieser Stelle weitere Beschreibungen. Nicht, weil die LS schlecht geklungen hätten. Im Gegenteil, sie klangen für mich bei dieser Art von Musik erwartungsgemäß gut, nicht überragend, aber gut. Nur das Gesicht von Herrn Bohne wurde mit jedem ruhigen Titel länger und seine Ungeduld größer. Das war offenbar nicht seine Musik. Erst als Charly Antolini in der Lade verschwand und er an der fernbedienbaren Lautstärkeregelung im Uhrzeigersinn drehte, erhellte sich sein Gesicht. Aha, jetzt wusste ich, was Herr Bohne und die Tester meinten. Mit ungebremster Dynamik brach das Schlagzeug über mich hinein. Mehrere Titel der CD’s Crash und Knock Out 2000 kamen zu Gehör, oder besser gesagt, sie massierten die Haut und die Bauchdecke. Ob da nun Verzerrungen des Bändchens dabei waren, war kaum noch auszumachen, denn Herr Bohne übertreibt im Pegel, selbst nach meinem nicht gerade zimperlichen Maßstab. Bei Mighty Sam McClain, Gone for Good von der CD Joy & Pain, einer der besten und dynamischsten Konzertmitschnitte, die ich kenne, dasselbe Bild. Pegel bis zum Abwinken und fast jenseits meiner Schmerzgrenze, auf jeden Fall jenseits meiner Toleranzgrenze.

Herr Bohne ist auch Musiker (Schlagzeuger) und ist vielleicht so etwas gewöhnt. Oder er will nur zeigen, was seine LS an Pegel und Dynamik können.

Ich konnte dann doch den Spieß nochmal umdrehen und mit Orgelmusik und anderen Titeln mit Tiefbass (immer wieder gerne Mari Boine) diesen Bereich ausloten. Um es kurz zu machen, der BB 15 versucht es erst gar nicht, die Orgelpfeife unterhalb 30 Hz artgerecht zu übertragen. Gut, dass er es nicht versucht, denn das käme der Mitteltontauglichkeit des 15“ JBL nicht zu Gute. Immerhin muss er sich bis 700 Hz hocharbeiten, um dort an das hochbelastete Bändchen zu übergeben. Irgendwie stellte sich bei mir der Eindruck ein, dass sich da beide schwer tun. 

Im Nachhinein vergleiche ich mit meinem System, denn auch bei mir wird bei ca. 700 Hz getrennt. Allerdings arbeitet bei mir eine hochstabile, harte Berylliummembran mit 4“ Durchmesser, die wegen des Horns bei 700 Hz kaum belastet wird. Und anstatt eines 15“ arbeiten bei mir zwei 12“ des gleichen Herstellers, die zudem noch unterhalb von 70 Hz nichts mehr leisten müssen. Das sind gravierende konstruktive Unterschiede, die man m.E. auch hört. Weiterhin hat der BB 15 eine alles andere als optimale Abstrahlcharakteristik, v.a. dann, wenn er wie in dieser Hörsession, zu dicht an der Rückwand platziert ist. Das Bändchen strahlt pegelstark nach vorne und nach hinten ab, der bis 700 Hz reichende Bass nur nach vorne. Messerscharfe Fokussierung von einzelnen Schallereignissen geriet dann auch erwartungsgemäß etwas unter die Räder. Die starke und zeitlich zu kurze Vermischung von Direktschall und reflektiertem Schall strengt an, weil man sich fortwährend dabei ertappt, eine von anderen Lautsprechern bekannte Lokalisation nachzuempfinden.

Wären da nicht die Nähe zur Rückwand und der Schrank dazwischen gewesen, hätte ich wohl einen besseren Eindruck zu der räumlichen Tiefe, Fokussierung und Staffelung beschreiben können, aber so ist mir das nicht möglich. Angesichts der Treiber und der Trinnovregelung unterstelle ich aber, dass sie das grundsätzlich gut können.

Über die Langzeitstabilität des Bändchens kann ich nur spekulieren. Aber sehr lange wird das feine Alu-Bändchen diese Tortur ohne Verschleiß nicht mitmachen.

Kommen wir auch jetzt wieder zum Preis.  21 900 € für den nackten Lautsprecher stehen aktuell in der Preisliste. Vor gut einem Jahr waren es noch unter 20 k€. Das ist schon eine Ansage für zwei mittelschicke Bassreflexgehäuse von gerade einmal 60 kg inkl.Treiber, zwei 15“ JBL-Treiber und zwei Bändchen-MHT. Rechnet man die Elektronik dazu, ohne die nichts geht, liegt man laut PL ermäßigt zwischen 32 500 € und 36 500 €. Schwer zu sagen, angesichts z.T. waghalsiger Highend-Kalkulationen, ob dieser Preis angemessen ist. Vergleicht man den BB 15 mit dem JBL M2 Monitor, der mit zwei absoluten HighTec Teibern ausgestattet ist, über einen professionellen Controller und 4 x 3500 Watt I-Tech Endstufen von Crown verfügt und sich in großen Studios weltweit etabliert hat, dann wird es für den BB 15 eng. Denn die JBL Combo kostet ca. 25 k€, also ca. 10 k€ weniger.

Bevor ich zum Fazit komme, noch der obligatorische Blick in die Fachpresse.

Diese Lautsprecher schaffen eine staubtrockene Live-Atmosphäre, die meilenweit von überkultiviertem High End entfernt ist. Viele High-End-Lautsprecher, auch aus den höchsten Preisklassen, wirken dagegen regelrecht wie vom Live-Eindruck wegentwickelt. Nach bestem Wissen überdämpfte Konkurrenten werden von der kernigen BB-15 gnadenlos ausgekontert.“
These loudspeakers create a bone-dry live atmosphere that’s miles apart from overly sophisticated high end. I can say that overdamped competitors are mercilessly outranked by the punchy BB-15s.”

+ So entstehen gleiche Testberichte vom gleichen Autor in verschiedenen Zeitschriften.

Fazit:

Der Bohne BB 15 ist ein Lautsprecher für den Mann, der mit Highend im herkömmlichen, feingeistigen Sinne nichts am Hut hat. Aber was ist schon Highend? Herr Bohne ist mit diesem LS der Wirklichkeit an Dynamik, Livehaftigkeit und Bühnenpräsenz meilenweit näher als viele hochgezüchtete  Klangerzeuger in einer ähnlichen Preisklasse. Wer gerne laut hört, sollte sich warm anziehen. Bei entsprechender Musik geht die Post ab. Trotzdem, ein Alleskönner ist er nach meinem Dafürhalten nicht. Dazu fehlen ihm die Tiefbasstauglichkeit und die letzte Homogenität im gerade wichtigen Mitteltonbereich. Auch die Langzeitstabilität des Bändchens wirft zumindest Fragen auf. Hier muss der Beweis erst noch angetreten werden. Bin gespannt, ob in 5 Jahren die ersten Exemplare zum Bändchentausch nach Engelskirchen müssen.

Jedenfalls bereichert dieser LS die Hifiwelt, oder welche Welt auch immer, mehr als der 147. dreiwegesophisticated Lautsprecher, der laut Hersteller wieder einmal die Grenzen des Machbaren überschreitet.

Bis zum nächsten mal

Andreas
 
hornblower
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Re: Serie: Vorstellung interessanter Lautsprecher

29. Sep 2019 13:10

War jemand von euch bei den westdeutschen Hifitagen? Hat jemand dann einen Vorschlag, welchen LS ich vielleicht einmal anhören sollte, um ihn hier zu besprechen? Vielleicht auch mal einen LS unter 10 k€. Da suche ich ja nach einem LS, der den KH 420 in dieser Preisklasse vom Thron stürzen könnte.

Grüße Andreas
 
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Robert
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Re: Serie: Vorstellung interessanter Lautsprecher

29. Sep 2019 14:12

Hi Andreas,

Mich würden ehrlich gesagt noch ein paar Infos zu den JBL M2 Monitor interessieren! Hatte ich bisher nicht auf dem Schirm!

Gruß Robert
 
thomas1960
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Re: Serie: Vorstellung interessanter Lautsprecher

29. Sep 2019 15:01

Hallo Andreas,

ich komme eben von den Hifitagen. Da sind natürlich feine Sachen...- bei keinem Setup (!) ist mir der Wunsch aufgekommen, die KH420 abzulösen.
Das „kleine“ Backloaded Horn von der Hornfabrik konnte erfreuen. 14000€.
MalValve hat fein gespielt, der Fuß hat mittgewippt. Preis? Ich habe mich nicht getraut zu fragen. Sicher sechsstellig.
Dynamikks Model 12 an 300B - Augenschmaus. Da könnte noch mehr Dynamik gehen mit knackigem Amp. 4000€.
In die großen Säle gehe ich nicht. Alles sechsstellig.
Auch gegen die im Netz oft gelobte (gehypte?) aktive Dutch&Dutch würde ich die Neumänner keinesfalls tauschen.
Dynamische Blender? Ich fürchte, die könnten auf Dauer nerven. Immerhin DSP drin.
Alte Lenco(!) L75 - große Klasse!

Nun habe ich seit vorgestern ja noch die beiden KH805 dazu bekommen. Ich muss erst einmal entdecken, bei welche Justage/Musik die bei mir überhaupt Sinn machen. Es sieht jedenfalls schon mal besser aus als die grauen Liedtke - Stands  :winke: .

Lg Thomas
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Rudolf
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Re: Serie: Vorstellung interessanter Lautsprecher

30. Sep 2019 12:57

Hallo Andreas,

ich erlaube mir, mich bei dir mit einem Tipp zu revanchieren, der in dein Beuteschema passen sollte. Es handelt sich um das Abacus-Horn in der Ausführung von Dr. Uli Brüggemann (Audiovero) mit ausgelagerten digitalen Frequenzweichen, die softwareseitig mit Acourate realisiert sind. Ich hatte bereits im Frühjahr dieses Jahres das Vergnügen, aber das Wiederhören auf den Westdeutschen HiFi-Tagen hat nochmals eine Schippe draufgelegt. Hier ein Bild von meinem Besuch am vergangenen Samstag:

Bild

Und das schrieb ich in meinem Messebericht:

Rudolf hat geschrieben:
Hier passte alles: Direktheit, fantastische Lokalisation der Schallquellen und Natürlichkeit der Stimmenwiedergabe so wie ich sie bei einem Horn niemals erwartet hätte. Die A Cappella-Darbietung hat mich buchstäblich vom Hörplatz gehauen! Bei dem nachfolgenden Jazz-Trio konnte man jedes Instrument bzw. jedes Teil des Instrumentes (Schlagzeug) orten. Wenn Abacus noch etwas an der Optik feilt - Avantgarde macht's vor - dann wird es für die Konkurrenz noch enger als ohnehin schon.

Das Abacus-Horn kostet € 9.900,00. Zu hören z.B. bei Dr. Brüggemann zu Hause in Bielefeld.

Viele Grüße
Rudolf
 
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Robert
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Re: Serie: Vorstellung interessanter Lautsprecher

30. Sep 2019 17:19

Spannend! Der 2" Coax Treiber kommt mir bekannt vor ;-)

Gruß Robert
 
hornblower
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Re: Serie: Vorstellung interessanter Lautsprecher

30. Sep 2019 17:37

Robert hat geschrieben:
Hi Andreas,

Mich würden ehrlich gesagt noch ein paar Infos zu den JBL M2 Monitor interessieren! Hatte ich bisher nicht auf dem Schirm!

Gruß Robert

Sorry Robert, diesen Beitrag hatte ich übersehen. Schau mal hier:
https://www.audiopro.de/de/4828.html
Dann drücke unten rechts auf Testberichte.
Gruß Andreas
 
hornblower
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Re: Serie: Vorstellung interessanter Lautsprecher

1. Okt 2019 17:17

Hallo,

wir kommen nun zum vierten Exemplar meiner Lautsprechervorstellung. Doch vorab eine Vorbemerkung.

Wenn man sich Lautsprecher anhört, macht es einen großen Unterschied, ob man Kaufabsichten hat oder nur mal so, um seinen Erfahrungshorizont zu erweitern. Wer Kaufabsichten hat, bei dem ist bereits der Preis ein limitierender Faktor. Weiterhin spielen Form, Design und Größe eine vorentscheidende, wenn nicht gar entscheidende Rolle. Warum sollte man sich mit Lautsprechern befassen, die man weder bezahlen noch vernünftig aufstellen kann? Also wendet man seinen Blick an solchen Exemplaren vorbei und richtet ihn auf das Realisierbare. Man hört sich schön, was man umsetzen kann und übersieht dabei, dass es abseits dessen Hochinteressantes zu entdecken gibt, was bei offenerer Herangehensweise dann doch machbar wäre.
Anders ist es, wenn man „nur“ aus Interesse hört. Preis, Größe und Design spielen keine Rolle, was die Frau sagen würde, ohnehin nicht, und so ist der objektiven Betrachtung und Bewertung keine Grenze gesetzt. Ein bisschen so ist es mir ergangen, und schlussendlich wurden daraus die Lautsprecher, die ich jetzt habe. Ich hätte die eigentlich nie auf dem Schirm gehabt. Es lohnt sich also durchaus, den Blick zu weiten, ohne allerdings völlig das Augenmaß zu verlieren. Ein Mitstudent aus frühen Hifitagen besaß eine 30 000 DM Anlage und pennte auf einer Matratze. Mehr Einrichtung konnte er sich nicht leisten.

Bei der Wahl zur heutigen Lautsprecherbesprechung stellte ich mir die Frage, ob ich einen veritablen Mitbewerber zum Bohne BB 15 aus derselben Sparte wählen soll, oder ein krasses Gegenstück, sozusagen das andere Ende der Welt in Sachen hochwertiger Lautsprecher.
Ich entschied mich für den Mitbewerber, um die Kontinuität zu wahren. Der Gegenpol kommt beim nächsten Mal.
Ich schreibe heute über den Alcons CRMS mk II.

BildBild

 
Die holländische Firma Alcons, ansässig im Ort Zwaag, ist in Hifikreisen weitgehend unbekannt. Mir ist kein Ranglistenplatz unter den „Bestenlisten“ oder ein Test in einer Hifizeitschrift bekannt. Das liegt daran, dass Alcons nicht für den Hifikunden entwickelt und produziert, sondern für den PA- und Cinemamarkt, sowie Postproduction. Dort hat sie einen herausragenden Ruf, und nicht zuletzt deshalb ist sie z.B. in der Elbphilharmonie präsent.

Der CRMS mk II ist dann auch einer der wenigen wohnraumtauglichen Fullrange-LS, den Alcons in seinem breiten Programm hat. Es handelt sich um einen teilaktiven, klassischen Dreiwegelautsprecher mit eindeutigen PA-Genen, bei dem wohnzimmerfreundliches Design eine untergeordnete Rolle spielt, obwohl er einen noch machbaren Fußabdruck hinterlässt. Das Montageteil, mit dem das Topteil auf dem Bassgehäuse befestigt wird, wirkt leider wie ein Teil aus dem Baumarkt. Man sollte sich daran aber nicht stören, da das keinen Einfluss auf den Klang hat. Im Gegenteil, durch das Scharnier kann man das MHT-Teil exakt vertikal auf den Hörplatz ausrichten, ohne den LS ankippen zu müssen. Weiterhin kann man den LS in nahezu allen RAL-Farben bekommen.

Im Bass arbeitet ein hart aufgehängter 15“ PA-Treiber mit 4“ Spule. Dieser wird aktiv von einer externen Endstufe angesteuert. Im MHT mit eigenem Gehäuse ein 8“ PA-Konuschassis und, als Besonderheit, ein Hochleistungsbändchen, auf dem Alcons ein Patent hält.

Bild
 
Dieses soll je nach Größe einen SPL von bis zu 145 dB zwischen 1 kHz und 20 kHz abliefern können. Getrennt wird natürlich höher. Man geht, und das weiß man bei Alcons ganz genau, sinnvollerweise nicht bis an die maximale Grenze. Der MHT wird ebenfalls von einer externen Endstufe befeuert und intern passiv getrennt, deshalb teilaktiv.

Da die deutsche Alcons Audio GmbH in Wedemark bei Hannover angesiedelt ist, war der Weg zu mir nicht sehr weit und ich konnte den Vertrieb überreden, einen ganzen Tag in meinem Heimauditorium zu verbringen.

Als der Kombi vorgefahren war, dachte ich, dass erst einmal eine Schlepperei angesagt wäre. Doch ganz im Gegenteil. Die vier Teile waren überraschend leicht, wie häufig im PA, die dazugehörige Endstufe Sentinel 3 mit DSP, ohne die nichts geht, und ein paar Kabel. Alles war in Kürze aufgestellt und angeschlossen. Es konnte losgehen. Vorher jedoch noch ein Vortrag des Alconsmitarbeiters über das System an sich. Ich erfuhr, dass Alcons den LS ausschließlich mit der hauseigenen Endstufe Sentinel und hauseigenen Spezialkabeln mit separater Sensorleitung verkauft. Das hat seinen Grund, denn in der Endstufe sitzt eine Sensorregelung auf Gegenkopplungsbasis, die die Treiber in ihrem Tun überwacht und den Bass mit einem Dämpfungsfaktor von 10 000(!) im Zaum hält. Das alles ließ Präzision erwarten.

Es sollten nun die bekannten Testtracks nacheinander abgespielt werden. Bereits beim aller ersten Titel dachte ich, das Setup sei defekt. Ich schaute den Mitarbeiter an und wollte ihm andeuten, dass die Session abgebrochen werden könnte, schlug aber als letzte Chance vor, den LS mit Sonarworks zu vermessen, was ca. 30 min. in Anspruch nahm. Die Ursache für das Desaster war dann auch schnell gefunden. Das Vorführpärchen ist ständig im mobilen Dauereinsatz und irgendjemand hatte dem DSP ein Setup verpasst, das völlig verbogen war. Ein breiter Bassbuckel von fast 10 dB bis in den MT-Bereich und danach eine tiefe Senke. Schlamperei! So etwas überprüft man vorher.

Der Alconsmitarbeiter korrigierte dann das Schlimmste im Sentinel-DSP und ich danach nochmal fein mit Sonarworks. Es konnte also erneut beginnen.

Oh Gott, was für eine Dynamik und Sauberkeit. Charly Antolinis Duwadjuwanadu von der CD Knock Out 2000, die ersten Sekunden ein Beckengewitter aus dem linken Kanal. So sauber kannte ich das bis dato noch nicht. Phänomenal, was dieser HT hervorbrachte. Drumschläge kamen unmittelbar und körperlich erfahrbar. Pegelgrenzen schienen keine Rolle zu spielen, wenngleich wir zu keiner Zeit diese Wahnsinnspegel eines Herrn Bohne spielten. Dann gemäßigtere Musik, Gesangsstimmen. Patricia Barber, Barb Jungr, Beautiful Life, Cassandra Wilson usw. Der CRMS mk II machte Schluss mit dem Vorurteil, dass PA-Lautsprecher, denen Highend angeblich egal ist, nur laut können. In Wahrheit ist es so, dass hochwertige PA-Lautsprecher highend so ganz nebenbei und automatisch machen. Umgekehrt kann man das nicht sagen. Einige Highend-LS, die ich hier nicht erwähne, würden kaputt gehen oder ganz abrauchen, wenn sie im PA-Bereich eingesetzt würden.

So landeten dann auch fiese Bassdrumschläge ohne Umwege in der Magengrube, kurz, trocken und fertig. Marcus Miller’s E-Bass kam knackig und konturiert. Ein Hoch auf 15“ PA-Bässe!
Jedoch bei allen Meriten, Tiefbass ist physikalisch bedingt auch hier Fehlanzeige. Ob mit oder ohne Entzerrung, der – 3 dB Punkt liegt bei exakt 45 Hz (in meinem Raum), darunter geht es steil bergab. Bei 30 Hz hatten wir – 18 dB, 20 Hz waren nicht mehr messbar. Das stört beim Großteil der Musik überraschend wenig. Wer allerdings Alles will, wird um sehr potente und schnelle Subwoofer nicht herumkommen.  Alcons hat dazu einen passenden Subwoofer im Programm, den CRMS LFE18. Eine untere Grenzfrequenz von 11 Hz und - 10 dB bei 21 Hz sollten genügen, um den Boden zum schwingen zu bringen. Allerdings ist zum Betrieb von zwei dieser Sub’s eine zusätzliche Sentinel 3 Endstufe erforderlich. Alcons überlässt eben nichts dem Gutdünken des Anwenders. Vorsicht ist jedoch geboten. Nicht jeder Raum verträgt derartigen Tiefbass, und viel bringt viel ist dann nicht mehr die Alternative der ersten Wahl.

Bei dieser Vorführung spielte ich das erste Mal mit dem Gedanken, meine aktivierten La Scalas, die ich da noch hatte, gegen ein Paar CRMS mk II auszutauschen. Doch mein gesamter Elektronikpark hätte ebenfalls weichen müssen. Alcons ist da beinhart und konsequent. Man will seine Produkte nicht durch unpassende Elektronik in Verruf bringen. Irgendwie verständlich.
Beim Hören dieser LS wurde mir klar, wie gut eine La Scala klingen kann, wenn sie aktiv angesteuert  und mit DSP korrigiert wird. Der CRMS mk II konnte sich nicht entscheidend absetzen, auch wenn der Bändchenhochtöner dem kleinen schlichten 1“ Horn der La Scala überlegen ist. Im Gegenzug konnte die La Scala die Musik noch etwas besser von den LS lösen, worauf ich sehr viel Wert lege.

Ein Vergleich mit dem Bohne BB 15 drängt sich an dieser Stelle auf. Überzeugt der BB 15 durch sein hemmungsloses, spektakuläres Auftreten, so fügt der CRMS mk II noch einen Schuss mehr Kultiviertheit und Homogenität im MT bei, ohne dies jedoch mit geringerer Dynamik zu bezahlen. Auch der Bruch in der Abstrahlcharakteristik zwischen TT und HT fordert beim BB 15 seinen Tribut, der beim CRMS mk II konstruktionsbedingt nicht eingelöst werden muss. Wenn ich dann noch auf den Preis schaue…womit wir wieder beim Preisthema gelandet wären.
Alcons macht eigentlich kein Privatkundengeschäft, sondern B2B. Insofern gibt es keine veröffentlichten Endverbraucher-Preislisten. Der Mitarbeiter eierte dann auch erstmal eine Weile rum, bevor er mir einen ca. Preis nannte. Ausnahmsweise versteht sich. Also für das komplette Setup, einschl. Elektronik und Einmessung vor Ort wären ca. 17 k€ fällig geworden, jeweils hälftig für LS und Elektronik, was aber keine Rolle spielt, da man nur das Gesamtpaket bekommt. Das ist die Hälfte eines BB 15 Pakets!

Auf Zitate aus Testberichten müsst ihr verzichten. Ich kenne schlicht keinen Test über den CRMS mk II. Anselm Goertz hat 2016 in der Production Partner das Line Array Modul LR 18 von Alcons ausführlich besprochen, wie immer bestechend fundiert und nüchtern. Daraus kann man indirekt schließen, womit wir es bei dem CRMS mk II zu tun haben. Schließlich arbeitet dort der gleiche Hochtöner.
 
Fazit:
Wer einen nicht zu kleinen Hörraum besitzt, 30 qm sollten es schon sein, und mindestens 3 m Hörabstand einhalten kann, wer gerne Livepegel hört, wer Dynamik liebt, für den ist dieser Eindringling in die Welt des Homehifi dringend zu empfehlen. Er braucht keine Angst zu haben, dass er sich diese Eigenschaften mit einem Mangel an Feinheit und Kultiviertheit erkauft. Der CRMS mk II kann alles, außer Tiefbass. Wer darauf verzichten kann bzw. solche Art von Musik gar nicht hört, wird einen absoluten Spitzenlautsprecher zu einem mehr als angemessenen Preis bekommen. Bedenkt man, dass man außer einem Zuspieler mit dem Gesamtpaket schon alles hat, um Musik auf höchstem Niveau zu hören, erscheint es geradezu günstig.

Grüße Andreas
 
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Unison12
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Re: Serie: Vorstellung interessanter Lautsprecher

2. Okt 2019 10:39

Sehr interessant,  was du schreibst. Bohne hab ich zwei mal gehört, für mich und meine alten Ohren fehlte was.  
Man hört nie aus

Uwe
 
hornblower
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Re: Serie: Vorstellung interessanter Lautsprecher

3. Okt 2019 15:36

Hallo zusammen,

Station 5 meiner Lautsprecherreise. Wie versprochen heute ein Bericht vom anderen Ende der Galaxie hochwertiger Lautsprecher. Ich schreibe über mein Erlebnis mit dem Magnepan MG 20.7, dem zweitgrößten Modell. Darüber rangiert nur noch der zweiteilige MG 30.7.

Bild
 
Die Firma Magnepan hat eine lange Tradition in der Herstellung großer, hochwertiger Magnetostaten. Meine ersten Erfahrungen gehen zurück in die 80er Jahre. Damals wie heute benötigt man zum Betrieb dieser Lautsprecher kräftige Endstufen, auch wenn der Wirkungsgrad heute nicht mehr so unterirdisch schlecht ist wie früher. 

Zunächst jedoch ein paar Erläuterungen zur Wirkungsweise dieser Art von Lautsprechern. Magnetostaten stellen neben den Elektrostaten eine Gruppe sogenannter Flächenstrahler dar. Kennzeichen dieser Lautsprecher sind große, teilweise riesige Membranflächen, geringer Hub und geringe Membranmasse. Weiterhin benötigen sie kein Gehäuse, nur einen möglichst steifen Rahmen, sie schwingen also frei und strahlen nach vorne und hinten in gleicher Weise ab. Alleine das lässt schon vermuten, dass wir einen luftigen und von jeglicher Gehäusebeeinflussung befreiten Klang zu erwarten haben. Auf weitere, weniger schöne, prinzipbedingte Eigenarten werde ich im Verlauf des Berichts eingehen.

Der MG 20.7 ist so groß wie eine Zimmertür, besteht aus einem Teil aber zwei Schallerzeugern, einem unechten Bändchen für den TMT und einem echten Bändchen für den HT. Bei einem echten Bändchen handelt es sich um eine schmale leitende Folie (häufig Aluminium), welches im Luftspalt eines Dauernmagneten (kleine Neodymstabmagnete) schwingt. Durch die niedrige Impedanz des Alubändchens werden solche Systeme eigentlich mit einem Übertrager betrieben, um eine vertärkertaugliche Impedanz zu erzeugen. Beim MG 20.7 nicht, warum auch immer. Anders beim unechten Bändchen (Quasi Ribbon Treiber). Hierbei handelt es sich eigentlich um einen normalen dynamischen LS, allerdings mit dem Unterschied, dass die Spule nicht kreisförmig auf einen Spulenträger aufgewickelt, sondern in Schlangenlinien (meanderförmig) auf der Membran selbst (zumeist Mylarfolie) aufgeklebt ist. Auch hier geht nichts ohne eine Vielzahl von Dauermagneten, die vertikal angeordnet sind. Aufgrund der Impedanz dieser „Spule“ kann das System ohne Übertrager betrieben werden. Auch Hochspannung von mehreren kV, wie bei einem Elektrostaten, ist nicht erforderlich.

Dieses Prinzip beherbergt prinzipielle Vorteile und zwar sowohl gegenüber Elektrostaten als auch im Vergleich zu konventionellen dynamischen LS. Während beim Elektrostaten die Folie selbst leitend bedampft ist und die leitende Schicht einem schleichenden Alterungsprozess unterliegt, haben wir dieses Problem beim Magnetostaten nicht. Gegenüber einem dynamischen LS wird beim Magnetostaten die gesamte Folie gleichmäßig angetrieben und nicht nur am Spulenträger. Auch eine immer kritische Zentrierspinne und eine Sicke entfallen. Auch parasitäre Schwingungen oder gar ein Aufbrechen kennt ein Magnetostat nicht. Alles in allem also der perfekte Lautsprecher… wenn da nicht die Größe der Membran selbst, der geringe Hub und der akustische Kurzschluss wären.

Ein ähnliches Verhältnis von Membranhub und Fläche kennt man vom Horn, nur dass hier die Fläche des Hornmunds und nicht die Membran des Treibers die wirksame akustische Fläche darstellt.

Genug der Technik, mein Weg führte mich nach Hamburg zum Taurus-Vertrieb, im Gepäck wieder meine CD’s, wo alle Testtracks enthalten sind, mit denen ich LS höre und beurteile.

Vielleicht ist dem Leser schon aufgefallen, dass ich mich nicht damit begnüge, nur Musik zu spielen, die ein bestimmter LS auch kann. Aus meiner Sicht müssen LS in diesen Preisklassen und mit den Ansprüchen jedwede Art von Musik wiedergeben können, und zwar ohne nennenswerte Einschränkungen.

Der Taurus-Vertrieb ist in einem schicken Gebäude untergebracht, und noch viel schicker ist der Vorführraum. Das Beste, was ich bisher außerhalb meiner eigenen vier Wände zu sehen und zu hören bekam. Sehr groß, geschätzt 80 qm und akustisch sehr gut, geschmackvoll und wohnraumfreundlich behandelt. Weder hallig noch studiolike zugestopft kam mir die Akustik im üblichen Vorgespräch vor, ein Eindruck, der sich beim Hören bestätigen sollte. Aber nicht nur der Raum, sondern auch die Aufstellung dieser großen Wände war durchdacht und der Größe des LS und Art der Dipolabstrahlung absolut angemessen. Der Abstand zur Rückwand betrug ca. 3-4 m, das Stereodreieck ca. 3 m, die LS angewinkelt.

Noch ein Wort zur verwendeten Elektronik. Da ließ der Chef nichts anbrennen. Wir hörten mit einer kompletten Soulution-Kette deutlich jenseits der 100 k€. Allein ein Monoblock schlägt mit 60 k€ zu Buche.

Die ersten vier Tracks waren

  • Bert Kaempfert, Africaan Beat, eine alte Zweimikrophonaufnahme vom genialen Toningenieur Peter Klemt im Polydorstudio Hamburg-Rahlstedt aufgenommen. Peter Klemt machte auch  die frühen Aufnahmen mit James Last (Happy Sound), ein Geheimtipp für jeden Audiophilen.
  • Doug MacLeod, Come to find
  • Renaud Garcia-Fons, Safran
  • David Roth, Where have all the flowers gone?
Allesamt akustische, eher ruhige Aufnahmen. Der Chef lobte meine Musikauswahl, was sich im weiteren Verlauf allerdings etwas ändern sollte.

Und in der Tat … mich haut es nicht so schnell vom Hocker und ich behaupte, eine gewisse Routine im Abhören von Musik entwickelt zu haben, aber derart in einen virtuellen Raum hineinprojiziert hatte ich das noch nicht gehört. Das Geschehen spielte sich virtuell mehrere Meter hinter der LS-Linie ab, vom Bass bis zu den Höhen, die mir einen Tick zu zurückgenommen erschienen, ein völlig bruchloses Klangbild. Jedoch bereits jetzt fielen mir zwei Eigenarten auf, die dieser Schallwandler bei jeder Art von Musik hat. Alles wirkte riesig, eine Band wirkt wie das Stabsmusikkorps der Bundeswehr, Gesangsstimmen kamen groß, zu groß wie ich meine. Dem spektakulären Auftritt tat das aber keinen Abbruch, es ist eher so, dass man sich in diese Art der Darstellung regelrecht verlieben kann, zumal sich die Schwerelosigkeit wie erwartet einstellte. Weitaus unangenehmer ist jedoch, dass die Bühnenform hufeisenförmig ist. Man muss sich das vorstellen, wie ein auf den Boden gelegtes Hufeisen mit der Öffnung zum Hörer hin. Die Musik beginnt links direkt an der Folie, wandert zur Mitte bis weit nach hinten, um sich dann wieder nach rechts in Richtung Folie zu verschieben. Ich ertappte mich mehrfach dabei, dass ich den Kopf so eindrehte, dass ich links und rechts hinter die LS sehen konnte, aber da war nichts. Alles klebte am Lautsprecher oder war in der Mitte weit hinten. So etwas muss man mögen oder zumindest akzeptieren.

Weiter ging es im Text.
Elbow, Starlings vom Livekonzert Jodrell Bank. Die abrupt einsetzenden und sehr dynamikstarken Trompeten veranlassten den Chef dazu, leiser drehen zu wollen. Ich entgegnete, ‚das müssen sie können‘, und es blieb bei dem Pegel. Kein Problem, das konnten sie auch. Natürlich auch hier die hufeisenförmige Anordnung.

Dann aber ging es den edlen Maggies langsam an den Kragen. Charly Antolini kam mit seinem Schlagzeug, der Percussion und dem E-Bass, und die Herrlichkeit begann, Kratzer zu bekommen.
Die Bassdrum wollte nun nicht mehr so tief runter, wie es sein muss. Auch die Dynamik wirkte eingebremst, je tiefer es nach unten ging. Bei Mari Boine, Gulan Du und Mighty Sam, Gone for good das gleiche Bild. Tiefbass mit Dynamik mögen und können die Maggies nicht. Da mögen professionelle Tester schreiben, was sie wollen. Auch der Chef räumte ein, dass Subwoofer jetzt eigentlich nötig wären. Ich konnte ihm nur zustimmen.

Der großen Kirchenorgel, gespielt von Gordon Turk, fehlte dann auch das markerschütternde Tieftonfundament, und die große Trommel auf Fanfare for the common man, Telarc CD-80076, wirkte dann auch eher wie eine Knallerbse. Sorry für den despektierlichen Ausdruck, aber wer so wie ich zwei 18“ Subwoofer am Start hat, muss diesen Eindruck gewinnen.

Ungeachtet dessen kann eine MG 20.7 einen Raum akustisch über die Maßen füllen. Der Raum wird nicht von zwei Scheinwerfern sondern von zwei warm weiß leuchtenden Glühbirnen gleichmäßig erleuchtet. Abbildungsschärfe, Fokussierung und glaubhafte Bühnendarstellung gehen anders. Aber wer will das schon, wenn alles andere dafür entschädigt.

Nun zum Preis. 25 k€ stehen zu Buche für ein Paar MG 20.7. Gönnt man sich zwei gute Subwoofer dazu, werden es dann auch schnell mal 35 k€, die Verstärker kommen dann noch dazu. Die Frage, ob es in dieser Preisklasse Alternativen gibt, stellt sich für den potenziellen Käufer nicht, denn wer eine MG 20.7 will, will die und nichts Anderes.

Zum Schluss noch ein paar Auszüge aus Testberichten, unkommentiert.
 
„Ohne auf den typischen Punch von klassischen, in MDF-Kabinetten eingesetzten Woofern abzuzielen, lässt es die 20.7 weder an Bassfülle noch -kontur fehlen.
Diese Faszination kann Magnepans Große…bei praktisch jeder Musik vermitteln, wobei wir sie nicht mit Hardrock vergewaltigten.
Der Zauber, den die Amerikanerin bei dezent aus der Saaltiefe heraus leuchtenden Celli und Kontrabässen sinfonischer Orchesteraufnahmen erzeugt, ist nur mit dem Kribbelnder Gänsehaut zu beschreiben.“
„Of course, this bass reproduction still may not satisfy everyone. In my room, I seem to have substantial output to at least 25Hz. While I do not really feel that anything is missing, I have some recordings that contain information below 25Hz.
The 20.7s certainly exhibit tighter and more transparent bass than most dynamic speakers, but I believe that as the frequencies go below about 50Hz, well-designed cone subwoofers may offer a slightly greater degree of control, punch, and certainly greater extension. Yet the bass from the 20.7s is so satisfying overall, I would not think of attempting to mate a subwoofer to these speakers. One of the goals of adding good subwoofers is to obtain a larger sense of the space of the venue. The bass of the 20.7s is certainly more than adequate to accomplish most-to-all of that goal, without the need for subwoofers.“
 
Fazit:

Mit dem Magnepan MG 20.7 hat man einen faszinierenden, gar charismatischen, in jeder Hinsicht majestätischen, jedoch tonmeisteruntauglichen Lautsprecher mit Suchtfaktor. Trotz seiner punktuellen Schwächen kann er mit einer Wiedergabe begeistern, der ihn von herkömmlichen dynamischen LS auf den ersten Ton unterscheidet. Mit einem Liebhaber dieser Art von Reproduktion braucht man nicht zu streiten. Entweder man sagt dazu ja oder man lehnt es ab. Man braucht allerdings einen adäquaten Raum, um diesen LS zur Geltung zu bringen. Mein Raum von rund 53 qm würde ausreichen, viel weniger sollte es aber nicht sein. Das Gute ist, dass Magnepan auch kleinere und deutlich günstigere Modelle mit ähnlichen Genen im Angebot hat. So kostet ein Paar MG 1.7i derzeit nur 3548 €. Mit zwei aktiven 12“ Subwoofern liegt man unter 10 k€ und befindet sich klanglich in einer Art Alice im Wunderland. Alles etwas irreal aber toll.

Schöne Grüße 
 
Rudolf
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Re: Serie: Vorstellung interessanter Lautsprecher

3. Okt 2019 21:01

Hallo Andreas,

deine Berichterstattung hat mit der Magnepan einen neuen Höhepunkt erreicht: Ich habe mich regelrecht reingesogen gefühlt. Wie Alice im Wunderland eben!

Mein Erlebnis mit Flächenstrahlern war rein zufälliger Natur, als ich beim Betreten eines Händlergeschäftes einer Vorführung beiwohnen durfte. Ich habe anfangs ebenfalls nicht die Kinnlade zu bekommen, mir im Nachhinein aber gedacht, dass die Wiedergabe über Flächenstrahler nicht viel mit realen akustischen Ereignissen zu tun hat - aber eine tolle Illusion auch ohne die Einnahme von Bewusstsein erweiternden Mitteln schafft.

Viele Grüße
Rudolf
 
hornblower
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Re: Serie: Vorstellung interessanter Lautsprecher

7. Okt 2019 17:50

Hallo zusammen,
 
in dieser Besprechung geht es um einen wahrhaft exotischen Lautsprecher. Exotisch erstens wegen des Preises. Er toppt meine bisherigen hier vorgestellten Exemplare um ein Vielfaches. Exotisch aber auch wegen des geringen Bekanntheits- und Verbreitungsgrads, zumindest in Deutschland. Laut Deutschem Vertrieb sollen sich dennoch wenige Exemplare in privatem Besitz befinden.
Es handelt sich um das Meyer Sound Bluehorn System.

Bild

Bild
 
An den Fotos kann man erkennen, für welchen Einsatzzweck dieser Lautsprecher eigentlich gedacht ist. Es sind große, wohlhabende Tonstudios in aller Welt, in denen dieser Lautsprecher zu finden ist.

Meyer Sound ist eine der ersten Adressen, wenn es um professionelle Beschallung geht. Namhafte Künstler sind in großen Hallen und Stadien mit Meyer Sound aufgetreten, das who is who der internationalen Musikszene. Aber auch hochwertiger Cinemasound und ein großer Studiomonitor gehören zum Programm dieses Herstellers. Jetzt könnte man fragen, warum ich mir so etwas überhaupt angehört habe. Die Antwort ist ganz einfach, den Preis dieser Lautsprecher habe ich erst am Ende der Vorführung erfahren. Ich war damals ja noch auf der Suche nach meinem „letzten“ Lautsprecher.

Bei dem Bluehorn System handelt es sich um einen aktiven, komplett DSP gesteuerten Fullrage Lautsprecher, der diesen Namen auch tatsächlich verdient.
In Tonstudios kommen zumeist drei Exemplare zum Einsatz. Für zuhause werden vom deutschen Vertrieb aber auch gerne zwei geliefert.

Das System besteht aus zwei Gehäusen pro Kanal, den Class D Endstufen und einem externen Controller. Das untere Gehäuse beherbergt einen 18“ Bass, den man mit Fug und Recht auch als Subwoofer bezeichnen kann. Im oberen Gehäuse residieren ein 12“ TMT und das Bluehorn mit einem Horntreiber als MHT. Alle Treiber, die Endstufen und der Controller kommen aus dem eigenen Haus, nichts wird dazugekauft. Nach Auskunft des Vertriebs sollen die Trennfrequenzen bei 150 Hz und 700 Hz liegen. Zum Vergleich, bei mir liegen diese bei 70 Hz und 700 Hz.
Der Controller regelt Frequenzgang und Phase, also eigentlich nichts Besonderes. Trotzdem gibt es auch hier ein Patent mit dem formellen Titel „Phaseninversionsfilter zur Korrektur von Niederfrequenzphasenverzerrungen in einem Lautsprechersystem“.
Hierbei sollen durch ausgeklügelte, phasenkorrigierende Algorithmen die nichtlinearen Effekte der mechanischen Wandler und Lautsprechergehäuse eliminiert werden. 

Ich war gespannt, ob sich dieser Aufwand auch im Klang niederschlagen würde.

Auf diesen Lautsprecher stieß ich durch Zufall, Netzrecherche, etwas stöbern und dann dieses auffällige blaue Horn. Ich setzte mich nur mal so mit dem Vertrieb in Verbindung, ein kurzes, interessantes Gespräch, Neugier war geweckt, und wenige Tage später lag eine persönliche Einladung in meinem Mailpostkasten zur Teilnahme an einer Demo bei der Rotorfilm GmbH in Potsdam Babelsberg. Ich trug mich in ein Zeitfenster von 30 min. ein und dachte, einer von mehreren Interessenten während der Session zu sein. Deshalb nahm ich auch keine eigenen Tracks mit, was sich als Fehler herausstellen sollte.

In Babelsberg angekommen, musste ich erst einmal die Security passieren und mich dann entlang großer Filmstudiohallen bis zum Ort des Geschehens durchfragen. Ich kam mir vor wie Columbo.

Die Rotorfilm GmbH befasst sich mit Postproduction für Film und Ton und verfügt über mehrere Studios. Im kleinsten, immerhin ca. 70 qm groß, standen diese Lautsprecher nun. Ich wurde vom deutschen Vertrieb und von dem eigens aus den USA angereisten Vorführer empfangen. Wo waren die anderen Hörinteressierten? Ich begriff, es gab keine anderen. Jeder Interessent hatte seine eigene, ganz persönliche Session von 30 min. Ich hatte auch noch Glück, direkt nach mit war niemand eingetragen, sodass mir 60 min. zur Verfügung standen. Trotzdem, meine eigene Musik hatte ich zu Hause gelassen und so war ich auf Gedeih und Verderb auf das angewiesen, was der Mann aus den Staaten auf seinem Laptop hatte.
Das Studio selbst war hightech und akustisch extrem trocken, für mich etwas gewöhnungsbedürftig. Für zu Hause wäre mir das zu trocken.

Ich nahm genau in der Mitte der LS-Achse Platz, das Dreieck betrug ca. 4 Meter. Bis auf den nach meinem Geschmack etwas überbedämpften Raum also optimale Hörbedingungen.
Die Auswahl der Musik war dann für mich eher eine Enttäuschung. Kammermusik und Singer Songwriter standen im Mittelpunkt. Es dauerte, bis endlich mal etwas mehr die Post abging. Nur selten blitze auf, was diese LS an Tiefbass und Dynamik können. Der gesamte MHT war fein durchzeichnet, plastisch und ohne Schärfe, nichts anderes hatte ich allerdings erwartet. Die Mär von grundsätzlich verfärbenden Hörnern kann u.a. dank DSP begraben werden. Selbstverständlich müssen die Qualität des Horntreibers und die Abstimmung zwischen Treiber und Horn passen. Auch eine Entwicklerentscheidung, ein Horn so tief wie nur irgend möglich anzukoppeln, kann als Schuss nach hinten losgehen. Dies ist bei 700 Hz Trennfrequenz hier jedoch nicht gegeben. Dass der Tiefbass ohne jeglichen Abfall bis auf 25 Hz runtergeht, glaubte ich ohne Bedenken. Das war Fullrange, 20 Hz bis 20 kHz ohne Limitierung. Ich konnte bei der präsentierten Musik zumindest keine ausfindig machen. Den bahnbrechenden, patentgestützten Quantensprung in der Wiedergabe konnte ich allerdings zu keiner Zeit bestätigen. Der Lautsprecher spielt in der Top Liga dessen, was ich bisher jemals zu hören bekommen hatte, mehr aber auch nicht. Wunder darf man auch hier nicht erwarten. Ich merkte jetzt, wie wichtig es ist, dass man mit seinen eigenen, gut bekannten Tracks hört. Von den vorgeführten Titeln kannte ich keinen einzigen. Mehr an klanglichem Eindruck kann ich deshalb nicht mehr beschreiben, das wäre Kaffeesatzleserei oder bestenfalls hineininterpretiert. Auf meinen Wunsch suchte der Vorführer dann noch in seinem Archiv nach opulenter Orchestermusik und er wurde fündig. Die Orgelsinfonie Nr. 3 von Saint-Saens wurde angespielt und zwar der Satz, der mit einem großen Tutti der Orgel beginnt. Leider Fehlanzeige, denn es handelte sich um eine eher bescheidene Aufnahme, bei der die Orgel mehr als dürftig und dünn klang. Die Stunde war dann schließlich schnell um und ich fragte noch dieses und jenes und zum Schluss nach dem Preis.

Ein Paar Bluehorn System inkl. Controller kostet 80 k€, netto versteht sich. Brutto sind das 95 200 €, Einmessung zu Hause inbegriffen. Das Gleiche zahlt man auch in den USA, nur dass dann Dollar dahinter steht.

In Ermangelung von Testberichten ein paar Stimmen von Leuten, die mit diesen Lautsprechern arbeiten.

"Die außergewöhnliche Klarheit des Bluehorn macht es einfacher, einen Mix zu analysieren. Aber nicht nur, um sich einen Gefallen zu tun. Man hört genau, was stimmt, aber man hört auch ganz genau, was falsch ist. Und das ist doch eigentlich der Sinn eines Monitorings, oder?"

„Sicher sind wir es auch einfach gewöhnt, dass Musik anders klingt je nach Lautstärke, doch wenn das Bluehorn-System Rebecca Pidgeon, Michael Jackson, Mozarts Violinkonzerte oder einen Choral von Bach zum Klingen bringt, dann ist das Ergebnis erst mal "nicht von dieser Welt". Die Präzision der Darstellung jedes Instruments, jeder Stimme nimmt einem wirklich den Atem.“

“I don’t really know much about the technology in it, they won’t tell me … It doesn’t matter - the end result is what you hear. It’s absolutely unique in the world. I’ve spent the last 40 years working in studios for music and film, and I’ve never heard anything like it. And I never liked horn speakers before, and I never liked big speakers before.”

Etwas sehr Ähnliches kann man aber hören oder lesen, wenn man nach Eindrücken von Sound Engineers sucht, die mit dem JBL M2 Monitor arbeiten.

Fazit:

Abseits professioneller Anwendung ist dieser Lautsprecher interessant für Leute, die Klang am obersten Ende der Fahnenstange haben wollen, denen Exklusivität wichtig ist, ohne sich jedoch in eine mit Highend-Mythen behaftete Welt, wie man sie alljährlich auf Messen findet, zu begeben. Leute eben mit einem luxuriösen Hang zum Understatement. Der Besitzer dieser Lautsprecher kann nach außen hin weder mit einem gewagten Design, einem edlem Lack noch mit einem illustren Namen brillieren. Das will er auch nicht. Stattdessen genießt er es, sich vor seine Anlage zu setzen im Wissen, dass er ein technisch ausgereiztes, praktisch fehlerfreies Produkt aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten sein Eigen nennt. Über Musik, die nicht spielbar sein könnte, braucht er sich keine Gedanken zu machen. Mit diesen Lautsprechern ist alles spielbar. Ein dicker Geldbeutel ist natürlich auch nicht ganz unwichtig. So wie dieser Lautsprecher auch optisch auftritt, wird er weiterhin in nur sehr wenigen privaten Wohnzimmern zu finden sein.

Herzliche Montagsgrüße
Andreas
 
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Re: Serie: Vorstellung interessanter Lautsprecher

8. Okt 2019 23:43

Hallo,

nachdem ich schon mehrere Tage und wiederholt den Text von Andreas mit großer Interesse gelesen habe möchte ich in diesem Thread auch etwas schreiben. Unabhängig von den beschriebenen Lautsprechern muss ich Andreas meinen großen Respekt über in dieser Form geleisteten Arbeit ausdrücken! Ich glaube es gibt sehr wenige Foristen und Foren bei denen man Gerätebesprechungen mit dieser Akribie findet. Ich finde, dass die üblichen Beschreibungen der Zeitschriften und der bekannten Onlineportale immer auf eines hinzielen...die Geräte schmackhaft zu machen. Diese sind immer das absolut Beste und Neueste und die muss man unbedingt kaufen....es gibt niemals negative Töne. Hier herrscht eine große Monotonie. Dagegen lesen sich die Beschreibungen von Andreas erfrischend anders. Hierbei werden auch kritische Töne möglich ohne das Ganze herabzuwürdigen; er bleibt einfach objektiv, nachvollziehbar und sachlich. Dabei wurde bei keinem einzigen Gerät die Beschreibung negativ abgeschlossen. Alle Lautsprecher haben ihre Vor- und Nachteile und sind von Fall zu Fall abzuwägen. 
Da ich einige beschriebene Lautsprecher kenne werde ich im Laufe der Zeit mal versuchen darauf einzugehen. Dabei werde ich auch mal einige Fragen aufwerfen, denn ich habe so einige Dinge anders gehört. Allerdings werde ich diese Unterschiede als Diskussionsgrundlage darstellen. Der Grund hierfür ist, dass ich diese Lautsprecher oft nicht in dieser Ausführlichkeit wie Andreas gehört habe; leider immer wieder mit für mich nicht passender Musik und nicht im eigenen Raum mit eigenen Geräten.

Beste Grüße
Ody           
 
hornblower
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Re: Serie: Vorstellung interessanter Lautsprecher

16. Okt 2019 15:17

Hallo,

da bin ich wieder nach kurzer Pause. Der Grund für die Pause war ein Besuch in der Pfalz, da gibt es jetzt Weinfeste, aber auch eine Recherche meiner vergangenen Hörerfahrungen in Sachen DIY-Lautsprecher. Um die soll es nämlich in den nächsten vier Berichten gehen. Thomas fragte ja nach „bezahlbaren“ Vorstellungen, und diesem Wunsch komme ich zumindest in zwei meiner DIY-Vorschläge nach. Zunächst aber erst einmal ein kostspieliges DIY-Projekt. 

Es handelt sich um ein

Orishorn mit 8“ Breitbandtreiber und separater Bassunterstützung durch einen 15“ Bass.

Konkret geht es um das größte Orishorn das Orishorn 150, wobei 150 für die untere Grenzfrequenz des Horns steht.

Bild

Der Entwickler ist der Holländer Bert Doppenberg. Bert ist ein Kenner der Materie. Ich habe damals mehrfach mit ihm telefoniert und gemailt. Der Mann weiß, wovon er redet und ein Besuch auf seiner Website lohnt sich immer.

Bevor ich aber anfange, zunächst ein paar Bemerkungen zu DIY- Lautsprechern. Die Anzahl solcher Projekte ist schier unendlich, ebenso die Spanne bezüglich des Preises aber auch der Qualität. Selbst hinreichend genau vorgegebene Pläne werden von Anwendern manchmal verschlimmbessert, im Glauben, noch etwas besser machen zu können. Meist wird dabei vergessen, dass sich die Entwickler der Bauvorschläge schon etwas dabei gedacht haben. Und so ist es dann nicht verwunderlich, dass Selbstüberschätzung gepaart mit falschem Ehrgeiz oft zu Ergebnissen führen, die den Bauvorschlag in Misskredit bringen, obwohl die Schuld für Missklang viel eher bei dem unkundigen Erbauer liegt. Es ist schwer, so etwas dann zuzugeben. Nicht umsonst geht es in typischen DIY-Foren auch manchmal hoch her.

Meine Schilderungen gelten jeweils nur für die Variante, die ich gehört habe und die sich mit dem Original deckt. Deshalb unterlasse ich es auch, vielleicht zum Leidwesen mancher, einen Bericht über ein Satohornprojekt zu schreiben. Dieses war vom Erbauer derart modifiziert, dass ich meine Eindrücke nicht guten Gewissens hier beschreiben möchte, obwohl ich es mehr als zwei Stunden hören konnte.

Im Zentrum des Oris-Lautsprechers, um den es hier geht, steht natürlich das Horn selbst.

Bild
 
So ungefähr sahen die Lautsprecher aus.

Es ist sehr beeindruckend vor einem 77 cm Horntrichter zu stehen. Noch beeindruckender war für mich die Kenntnis, dass als Treiber kein geringerer als der AER BD2 8“ Breitbänder zum Einsatz kam. Der BD2 ist das mittlere Modell von drei Modellen und beeindruckt mit hervorragenden Daten und Messwerten. So werden dem BD2 locker 20 kHz und eine Auslenkung von 5 mm PtoP bescheinigt, was ihn von Vielen seiner Mitbewerber unterscheidet. Da kann auch Lowther nicht ganz mithalten. So war es nicht verwunderlich, dass in dem von mir gehörten Lautsprecher der BD2 mit Hornunterstützung bis 200 Hz spielte, was den gesamten Lautsprecher zu einem waschechten F.A.S.T.-Lautsprecher machte (F.A.S.T. = Fullrange and Subwoofer Technologie). Der Vorteil der FAST-Technologie ist die Punktschallquelle über einen breiten Frequenzbereich.
 
Nun zum Bass. Da gibt es viele Möglichkeiten, das Horn mit dem 8“ BB zu verheiraten. Ich nenne hier nur die vier wichtigsten. Allen vier gemeinsam ist die Verwendung eines hart aufgehängten 15“ Basstreibers hoher Qualität.

  • Klassische Bassreflexbox
  • Onkenbass
  • Klipsch La Scala Bass
  • VOTT Bass (A7), eine Kombination aus einem kurzen frontloaded Horn und Bassreflex
Selbstverständlich geht auch ein Eckhorn à la Klipschorn.

Ich habe die Variante mit einem klassischen Bassreflexbass gehört. Das ist auch gleichzeitig die Variante, mit der man die wenigsten Fehler machen kann und die am preiswertesten und für den Bastler, wenn überhaupt, am einfachsten herzustellen ist. Einen VOTT Bass herzustellen, ist selbst für den geübten Hobbyschreiner nicht ganz einfach. Hier würde ich den Weg zu einem guten Schreiner empfehlen.

Gehört habe ich bei AES in Kassel. Begrüßt wurde ich von Peter Frank, dem Mastermind der Firma, der mit viel Enthusiasmus seinen Lautsprecher vorführte. Die Treppe hinunter und Platz nehmen. Vorher jedoch ein paar technische Erläuterungen. Das System lief vollaktiv ohne DSP mit analoger 2-Wegeweiche. Die Endstufen sind mir nicht mehr bekannt.

Schon nach den ersten Takten war klar, dass man es praktisch mit einer Punktschallquelle zu tun hatte. Die Räumlichkeit war präzise, die Sprachverständlichkeit verblüffend. Patricia Barber, The Beat Goes On von der CD Companion, glich dann auch einem Eintauchen in die Clubatmosphäre, in dem dieser Livemitschnitt aufgenommen wurde. Live at the Green Mill, eine Bar und ein Jazzclub in Chicago. Hintergrundgeräusche, Flaschenklirren, alles war wie zum Greifen nahe. Der Bass knochentrocken, wie man es eben von einem 15“ Profitreiber erwartet. Die Ankopplung gelang auch ohne DSP ohne Schwierigkeit. Pegelgrenzen scheint der Breitbänder nicht zu kennen. Warum auch, bei einem Wirkungsgrad von 104 dB bei einem Watt genügen schon ein paar lumpige Watt, um ein Inferno zu entfachen. Der Bass muss das mitmachen, was aber bei gebotener Qualität selbstverständlich sein dürfte. Wie bei allen mir bekannten 15“ Bässen dieser Bauart fehlte es auch hier an wirklichem Tiefbass. Gefühlt war bei ca. 40 Hz Schluss, was aber während der Vorführung den Genuss kaum beeinträchtigte. Was der Breitbänder ohne Zweifel kann, ist Dynamik. Snare Drums verschiedener Jazzeinspielungen platzten förmlich aus den Hörnern. Es war ein Genuss, dieser Lässigkeit in der Wiedergabe zu lauschen. Eine Gepresstheit im Klang gepaart mitunter mit deutlichen Dopplereffekten durch zu viel Hub im Bass, wie man sie von Breitbandkonstruktionen im Fullrange bei backloaded Hörnern bei höheren Pegeln kennt, traten nicht auf. Die Begrenzung bei 200 Hz machte sich hier wohltuend bemerkbar.

Große Chöre, eine unüberwindliche Hürde für viele kleinere Lautsprecher, stellte das Orisprojekt nahezu perfekt in den Raum. So z.B. Mahler, Sinfonie Nr. 8 (Symphony of a Thousand) Telarc CD-80267 oder Brahms, Ein Deutsches Requiem Telarc-CD 80092. Allerdings war die große Orgel, die bei beiden Aufnahmen gespielt wird, nicht mit der Macht spürbar, wie es hätte sein müssen. Es fehlt eben die unterste Oktave, die gerade bei Orgelmusik so ungemein wichtig ist. Trotzdem, das war große Klasse um nicht zu sagen fast schon großes Kino. Ein Test für die Verfärbungsarmut ist eine eher unbekannte Aufnahme von Telarc, Williams, Fantasia on a Theme by Thomas Tallis, Telarc-CD 80059. Ich kenne nur wenige Aufnahmen, in denen die Streicher so zart und mit so viel Schmelz spielen. Hier konnte der Breitbänder trotz seiner Klasse einen gewissen Hang zum Nasalen nicht verleugnen.

Verlockend war dann der Preis, den mir Peter Frank für das Vorführmodell inkl. Frequenzweiche in Aussicht stellte. Aber da ich wusste, dass ein guter Kompressionstreiber an einem Horn noch explosiver und dynamischer zu Werke gehen kann, verwarf ich den Gedanken und das Angebot schlussendlich.

Womit wir wieder beim Preis wären. Listen wir nur einmal die aktuellen Materialkosten auf.

  • 3000 € pro AER BD2
  • 500 € pro Oris 150
  • 500 € pro Basstreiber
  • 1000 € pro Gehäuse (vom Schreiner)
  • 500 € Frequenzweiche
Macht zusammen ca. 10000 € mit Rabatt. Dazu kommen dann noch zwei Stereoendstufen und ggf. noch ein DSP.
Man ist da schon in einer Preisliga, wo es gute Fertiglautsprecher gibt. Bedenkt man aber, was ein Fertiglautsprecher von einem „Highend“-Hersteller mit dieser exklusiven Bestückung kosten würde, wäre der Selbstbau ein Schnäppchen, denn da würde man im mittleren 5-stelligen Bereich liegen.
Natürlich geht es auch billiger. Wie Preise explodieren können, wenn bereits ein einziger Treiber ein paar Tsd. € kostet, weiß ich ja von meinen eigenen Lautsprechern. Ein Fostex Fe 206eN, ein Visaton B 200 oder gar ein Saba Greencone anstatt des AER, und die Sache wird schon sehr erschwinglich. Wie das dann klingt, weiß ich allerdings nicht.

 
Fazit:

Für denjenigen, der Platz hat, Wert auf etwas sehr exklusives legt, wer Präzision und Raumabbildung an oberster Stelle sieht, für den ist diese Kombi ein sehr zu empfehlender Tipp. Er muss dann aber leichte Abstriche in Sachen tonaler Richtigkeit machen. Mit einem DSP ließe sich das wohl glätten.
Finger weg von selbstgeleimten Bassgehäusen in der heimischen Garage. Das hat dieser Lautsprecher nicht verdient. Wer für das Gehäuse und das Horn noch einen edlen Lack wünscht und die passende Röhrenelektronik dazu gesellen möchte, landet dann auch schnell bei über 20 k€, was für ein DIY-Projekt sehr ambitioniert ist. Hätte ich mehrere Hörräume, wäre dieser Lautsprecher neben der Magnepan 20.7 ein Muss.
 
 
 
thomas1960
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Re: Serie: Vorstellung interessanter Lautsprecher

16. Okt 2019 16:33

Andreas, 

mit dem Oris schreibst Du mir aus der SEELE. 
Ich kenne ein Forenmitglied aus dem Raum Bonn, der ein solches hatte. Das Horn wurde bei der Vorführung von meinem kleinen Unison Simply Two LAE bedient, der 38er von einer potenten Endstufe.

Dieses Klangerlebnis ist mir bis heute in legendärer Erinnerung. Ob er nun mitliest?
Leider, leider hat er diese herrlichen Hörner nicht mehr  :cry2: !
B&W und Accuphase haben Einzug gehalten...  :???: .

So etwas kann beim Kistenschieben herauskommen...  :winke:  :pfeif:  :undweg: 
Wege entstehen dadurch, daß man Sie geht.
 
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Unison12
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Re: Serie: Vorstellung interessanter Lautsprecher

17. Okt 2019 20:50

AES Kassel ist spitze. Kann man empfehlen, kein Kaufzwang, recht locker. Gute Tipps zwecks Tonabnehmer haben sie auch.
Ich habe sie mit zwei Eckhörner gehört. Danach mit anderen Sub gehört. Schon verdammt gut.
Man hört nie aus

Uwe

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